{"id":2930,"date":"2021-08-16T18:48:31","date_gmt":"2021-08-16T18:48:31","guid":{"rendered":"https:\/\/testavalems.opointzero.ch\/philosophie-de-soins-gineste-marescotti-dite-humanitude\/"},"modified":"2021-08-16T18:49:15","modified_gmt":"2021-08-16T18:49:15","slug":"philosophie-de-soins-gineste-marescotti-dite-humanitude","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/avalems.ch\/de\/philosophie-de-soins-gineste-marescotti-dite-humanitude\/","title":{"rendered":"Pflegephilosophie Gineste-Marescotti\u00ae (Humanitude\u00ae)"},"content":{"rendered":"\n<p>Die Mitarbeitenden unserer Einrichtung sind t\u00e4glich mit Menschen konfrontiert, die verhaltensbezogene (behaviorale) und psychologische Symptome der Demenz (BPSD) aufweisen: Schreien, Beschimpfen, Kratzen, Kneifen, Apathie, R\u00fcckzug in sich selbst etc. Diese St\u00f6rungen nehmen tendenziell beim Vollzug von Pflegehandlungen zu, insbesondere bei der K\u00f6rperpflege, die von der Betreuungsperson potentiell f\u00e4lschlicherweise als \u00dcbergriff interpretiert und erlebt wird. Solche Verhaltensweisen entspringen einer defensiven Haltung. Die Person mit Demenz weiss m\u00f6glicherweise nicht mehr, wo sie ist, erkennt die Betreuungsperson nicht und begreift nicht, was ihr widerf\u00e4hrt. Ihre Reaktionen beruhen auf einer Fehlinterpretation der Situation, bedingt durch die kognitiven Beeintr\u00e4chtigungen, durch welche Menschen mit demenziellen Erkrankungen besonders empfindlich werden f\u00fcr die paraverbalen (Tonfall) und nonverbalen Elemente der Interaktion (z.&nbsp;B. die Haltung der Pflegeperson und die Art und Weise, wie diese sie ber\u00fchrt).<\/p>\n\n\n\n<p>Um diesen Verhaltensst\u00f6rungen vorzubeugen und ein positives Erleben von Pflegehandlungen zu f\u00f6rdern, wenden wir in unserer Einrichtung die Pflegemethode nach Gineste-Marescotti\u00ae an.<\/p>\n\n\n\n<p>Der erste Grundsatz dieser Methode besteht darin, angemessen auf die kognitiven Beeintr\u00e4chtigungen der Person, die sie \u00fcberempfindlich f\u00fcr die paraverbalen und nonverbalen Botschaften beim Umgang mit ihr machen, zu reagieren. Diese Reaktion soll es der Person erm\u00f6glichen, die Pflegehandlung nicht als Aggression, sondern als Zuwendung zu interpretieren. Dabei kommen gezielt Blick, Ansprache und Ber\u00fchrungen zum Einsatz.&nbsp;(Luquel, L., 2008)&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Humanitude\u00ae st\u00fctzt sich auf folgende 4&nbsp;S\u00e4ulen:<\/strong><strong><\/strong><strong><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>&#8211;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;<strong>Blickkontakt:<\/strong>&nbsp;Er bildet den wichtigsten Kanal der Humanitude-Methode. Unser Selbstbild entsteht durch die Augen der anderen. Durch einen Blick erhalten wir Best\u00e4tigung. Nicht angeschaut zu werden, heisst, ignoriert zu werden. Eine Person mit einer demenziellen Erkrankung im fortgeschrittenen Stadium sucht nicht mehr automatisch den Blickkontakt zum Gegen\u00fcber, da ihr Gesichtsfeld durch das Tunnelsehen wie beim Blick durch eine R\u00f6hre eingeschr\u00e4nkt ist. Alle Mitarbeitenden (Pflegekr\u00e4fte, Assistenz- und Betreuungskr\u00e4fte, Mitarbeiterinnen aus dem Sozialdienst, Hauswirtschaft und Verwaltung)&nbsp;&nbsp;achten darauf, ihren Blick in Bezug auf emotionale (liebevoll, z\u00e4rtlich, anerkennend, f\u00fcrsorglich) und technische Merkmale (auf Augenh\u00f6he, von vorne, nahe und lange) zu schulen. Sie achten auch darauf, die Betroffenen auf deren H\u00f6he (horizontal) und aus einer N\u00e4he von ca. 50&nbsp;cm mindestens 3 Sekunden lang anzusehen, um ein gleichberechtigtes Beziehungsverh\u00e4ltnis zu schaffen. Sie blicken die Bewohnerinnen und Bewohner \u00abauf Augenh\u00f6he\u00bb und nicht von oben herab an.&nbsp;(Luquel, L., 2008)<strong>&nbsp;<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>&#8211;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;<strong>Ansprache:<\/strong>&nbsp;Die verschiedenen sprachlichen Codes, die uns unsere Eltern von Geburt an \u00fcbermitteln, n\u00e4hren unsere konzeptionelle Kompetenz und unsere Beziehung zur Welt. M\u00fcndliche Kommunikation umfasst W\u00f6rter und Tonfall. Bei unzureichendem Verst\u00e4ndnis des Gesprochenen flacht das Interesse am Gegen\u00fcber ab und es stellt sich allzu oft Schweigen ein. Unsere Mitarbeitenden (Pflegekr\u00e4fte, Assistenz- und Betreuungskr\u00e4fte, Mitarbeiterinnen aus dem Sozialdienst, Hauswirtschaft und Verwaltung) achten darauf, verst\u00e4rkt verbal zu kommunizieren und dabei den angemessenen Ton zu verwenden. Dieser besteht in einem sanften, warmen Tonfall, der das emotionale Ged\u00e4chtnis der betreuten Person anspricht. Dieses Ged\u00e4chtnis bleibt von der Geburt bis zum Tod erhalten. H\u00e4ufig l\u00e4sst bei dieser Technik das Schreien \u2013 ein Ausdruck von Angst, Einsamkeit oder Verlassensein \u2013 nach und es stellen sich eine Beruhigung auf k\u00f6rperlicher (Entspannung von Gesichts- und K\u00f6rpermuskulatur) und psychischer Ebene (h\u00f6rt auf zu schreien, l\u00e4chelt) sowie ein Sicherheitsgef\u00fchl ein.&nbsp;Die Mitarbeitenden achten im \u00dcbrigen darauf, ihre Pflegehandlungen (auch nonverbal, z.B. durch eine Initialber\u00fchrung) anzuk\u00fcndigen und bei der Durchf\u00fchrung zu beschreiben und auf diese Weise die Kommunikation aufrechtzuerhalten, ohne eine Antwort zu erwarten. Durch dieses Ank\u00fcndigen und Beschreiben der Handlungen kann die verbale Kommunikationszeit um den Faktor sieben bis acht erh\u00f6ht werden. Damit l\u00e4sst sich bereits oft verhindern, dass sich bei der betagten Person durch die Stille ein Gef\u00fchl von Unbehagen oder Bedrohung einstellt. (Luquel, L., 2008)<strong>&nbsp;<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>&#8211;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;<strong>Ber\u00fchrung:&nbsp;<\/strong>Die Fachperson muss lernen, andere in ihrem Menschsein zu ber\u00fchren. Die Ber\u00fchrung durch die Pflegenden wird bei diversen Methoden als Aspekt der emotionalen Pflege ber\u00fccksichtigt. Unsere Pflegekr\u00e4fte ber\u00fchren vorzugsweise mit dem \u00abWiegengriff\u00bb (im Gegensatz zum \u00abZangengriff\u00bb). Dieser ist progressiv (es werden nicht gleich sensible oder intime Bereiche ber\u00fchrt), anhaltend (der einmal hergestellte Kontakt wird aufrechterhalten) und beruhigend (eine sanfte Ber\u00fchrung, die sich \u00fcber grosse Abschnitte des K\u00f6rpers zieht). Dieses Ber\u00fchren reduziert sich nicht auf eine zweckgebundene technische Geste, es wird vorgeschlagen und nicht aufgezwungen; so wird es zu einer zwischenmenschlichen, einer \u00abliebkosenden Ber\u00fchrung\u00bb.<strong>&nbsp;(<\/strong>Luquel, L., 2008)<strong>&nbsp;<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>&#8211;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;<strong>Vertikalit\u00e4t:<\/strong>&nbsp;Die vierte S\u00e4ule der Methode Humanitude ist die Vertikalit\u00e4t. Die Vorstellung vom \u00abMenschen in der aufrechten Position\u00bb appelliert an das Selbstwertgef\u00fchl und f\u00f6rdert die Aufrechterhaltung der Propriozeption. Wir vermeiden es nach M\u00f6glichkeit, die K\u00f6rperpflege im Bett vorzunehmen und vertikalisieren unsere Bewohnerinnen und Bewohner mit Demenz so oft wie m\u00f6glich. (Luquel, L., 2008)<strong>&nbsp;<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die Pflegezeit, in der die verschiedenen Techniken betreffend Blick, Ansprache und Ber\u00fchrung kombiniert eingesetzt werden, wird wiederum in drei Abschnitte unterteilt, um drei Phasen besser gegeneinander abzugrenzen:&nbsp;(Luquel, L., 2008)<\/p>\n\n\n\n<p>1.&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;<strong>Vorbereitung auf die Pflegehandlung:<\/strong>&nbsp;Vor Beginn einer Pflegehandlung stellen wir einen Kontakt her, der es uns erm\u00f6glicht, die Zustimmung der Person einzuholen. Erfolgt keine Zustimmung, wird die Pflegehandlung aufgeschoben. Diese sinnliche Abkl\u00e4rung erfolgt \u00fcber die drei Humanitude-S\u00e4ulen (Blick-Ansprache-Ber\u00fchrung) und stellt die Voraussetzung f\u00fcr jede Art von Pflegehandlung dar. Wenn diese Vorarbeit nach drei Minuten noch nicht zur Zustimmung der betroffenen Person gef\u00fchrt hat, wird die Pflegehandlung aufgeschoben. (Luquel, L., 2008)<strong>&nbsp;<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>2.&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;<strong>Sinnliche R\u00fcckkopplung:&nbsp;<\/strong>Sie ist kennzeichnend f\u00fcr die w\u00e4hrend der Pflegehandlung kombiniert zum Einsatz kommenden Techniken und beschreibt das L\u00f6sen von Verspannungen, das sich einstellt, wenn mindestens zwei Sinneswahrnehmungen den im emotionalen Ged\u00e4chtnis gespeicherten Eindruck von Geborgenheit und Wohlbefinden ausl\u00f6sen.&nbsp;(Luquel, L., 2008)<strong>&nbsp;<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>3.&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;<strong>Emotionale Konsolidierung:&nbsp;<\/strong>Schlussphase der Pflegehandlung; der Moment, in dem die pflegende Person explizit und mit positivem Nachdruck den erfolgreichen Verlauf der Pflegehandlung quittiert. Damit soll \u00fcber das emotionale Ged\u00e4chtnis eine positive Gef\u00fchlsmarke gesetzt werden.&nbsp;(Luquel, L., 2008)<strong>&nbsp;<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Diese Pflegemethode erm\u00f6glicht es, pathologisch agitiertes Verhalten um mehr als 90&nbsp;% zu reduzieren.&nbsp;(Luquel, L., 2008)<strong>&nbsp;<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Mitarbeitenden unserer Einrichtung sind t\u00e4glich mit Menschen konfrontiert, die verhaltensbezogene (behaviorale) und psychologische Symptome der Demenz (BPSD) aufweisen: Schreien, Beschimpfen, Kratzen, Kneifen, Apathie, R\u00fcckzug in sich selbst etc. Diese [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":152,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[52],"tags":[],"coauthors":[],"class_list":["post-2930","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-themendossiers"],"publishpress_future_action":{"enabled":false,"date":"2026-06-15 17:57:18","action":"change-status","newStatus":"draft","terms":[],"taxonomy":"category","extraData":[]},"publishpress_future_workflow_manual_trigger":{"enabledWorkflows":[]},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/avalems.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2930","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/avalems.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/avalems.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/avalems.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/152"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/avalems.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=2930"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/avalems.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2930\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2932,"href":"https:\/\/avalems.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2930\/revisions\/2932"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/avalems.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=2930"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/avalems.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=2930"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/avalems.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=2930"},{"taxonomy":"author","embeddable":true,"href":"https:\/\/avalems.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/coauthors?post=2930"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}